Humanoide Roboter in der Produktion: Stand und Grenzen
Humanoide Roboter in der Produktion werden in begrenzten Aufgaben und Pilotprojekten erprobt. Für Betriebe zählen nachgewiesene Laufzeit, Eingriffe und Takt unter realen Bedingungen; eine Vorführung belegt noch keine Serienreife.

Inhalt
Humanoide Roboter in der Produktion werden in begrenzten Aufgaben und Pilotprojekten erprobt. Für Betriebe zählen nachgewiesene Laufzeit, Eingriffe und Takt unter realen Bedingungen; eine Vorführung belegt noch keine Serienreife.
Was humanoide Roboter versprechen
Die Idee ist einfach: Fabriken, Lager und Werkzeuge sind für Menschen gebaut. Ein Roboter mit menschenähnlicher Gestalt könnte sich in diesen Umgebungen bewegen, ohne dass sie umgebaut werden müssen. Die International Federation of Robotics (IFR) beschreibt in ihrem Positionspapier „Humanoid Robots: Vision and Reality“ vom Juli 2025 die Vision eines Allzweckroboters, der nicht nur eine Aufgabe, sondern viele erledigt.
Neuen Schwung bringt die generative KI. Nach der IFR lernen humanoide Roboter Fähigkeiten zunehmend aus Vorführungen und können Aufgaben teilweise selbstständig erschließen. Große Technologiekonzerne und Investoren haben erhebliche Mittel für die Entwicklung angekündigt.
Wo die Technik heute steht
Die Zahlen zeigen einen frühen Markt. Nach der Auswertung der IFR zu professionellen Servicerobotern vom September 2026 wurden 2025 weltweit rund 7.000 humanoide Roboter in voller Größe, also über 140 Zentimeter, verkauft. Zum Vergleich: Industrieroboter wurden im selben Jahr nach der IFR mehr als 600.000 neu installiert.
Die IFR benennt auch die Hürden. Die meisten aktuellen Anwendungen sind spezialisiert und erfordern oft eine Fernsteuerung durch Menschen. Hinzu kommen Sicherheitsnormen, hohe Kosten für Training und Wartung und ein schwacher Business Case, besonders im industriellen Umfeld. Der Präsident der IFR fasste es 2025 so zusammen: Ob und wann es zu einer Massenverbreitung humanoider Roboter kommt, bleibt ungewiss.
Merksatz: Humanoide Roboter werden bestehende Robotertypen nach Einschätzung der IFR nicht ersetzen, sondern ergänzen. Für Aufgaben, die heute ein Industrieroboter, ein Cobot oder ein FTS löst, bleiben diese die naheliegende Wahl.
Was der Einsatz humanoider Roboter im BMW-Werk zeigt, ordnet der Beitrag BMW und humanoide Roboter ein.
Welche Aufgaben in Frage kommen
Die IFR sieht humanoide Roboter dank ihrer menschenähnlichen Geschicklichkeit und Anpassungsfähigkeit gut aufgestellt für komplexe Aufgaben, mit denen heutige Roboter und klassische Programmierung Schwierigkeiten haben. Aus Sicht von Industriebetrieben werden vor allem diese Felder diskutiert:
- Kommissionierung und Materialbereitstellung in Umgebungen, die für Menschen gebaut sind und sich schwer umrüsten lassen.
- Tätigkeiten mit Gefahrstoffen, Hitze oder anderen Belastungen, bei denen Menschen geschützt werden sollen.
- Nachtschichten und Randzeiten mit einfachen, wiederkehrenden Handgriffen.
- Einfache Montage- und Handhabungsschritte an Arbeitsplätzen, die für Menschen ausgelegt sind.
Für fast alle diese Aufgaben gibt es heute bereits erprobte Alternativen: Cobot im Mittelstand: Aufgaben, Aufbau und Sicherheit für Handhabung und einfache Montage, Fahrerlose Transportsysteme: Aufbau und Materialfluss für Materialtransport, klassische Industrieroboter für gefährliche Prozesse in Schutzzellen. Die ehrliche Frage lautet deshalb: Was kann ein humanoider Roboter, was diese Lösungen nicht können, und rechtfertigt das Kosten und Risiko?
Was technisch noch fehlt
- Zuverlässigkeit: Industrieanlagen müssen über Schichten und Jahre stabil laufen. Viele humanoide Systeme zeigen beeindruckende Einzelleistungen, aber noch wenig belegte Dauerleistung im Produktionsalltag.
- Tempo und Präzision: Für wiederholte Handhabung sind spezialisierte Roboter schneller und genauer.
- Autonomie: Wenn Aufgaben oft per Fernsteuerung erledigt werden, ist der Personalbedarf nicht verschwunden, sondern verlagert.
- Sicherheit: Zweibeinige Roboter, die im selben Raum wie Menschen arbeiten, stellen neue Fragen an Standsicherheit, Sturzverhalten und Kontaktkräfte. Sicherheitsnormen nennt die IFR ausdrücklich als eine der Hürden.
- Wirtschaftlichkeit: Anschaffung, Training und Wartung sind nach Einschätzung der IFR bisher hoch, der Business Case ist im industriellen Umfeld schwach.
Recht und Sicherheit
Rechtlich ist ein humanoider Roboter in der Fabrik eine Maschine. Ab dem 20. Januar 2027 gilt für neue Maschinen die EU-Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, die ausdrücklich auf Kontaktrisiken bei der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine und auf Sicherheitsbauteile mit selbstlernendem Verhalten eingeht. Übernimmt KI in einem humanoiden Roboter Sicherheitsfunktionen, sind zusätzliche Anforderungen zu prüfen. Für die Hochrisiko-Einstufung nach Artikel 6 Absatz 1 der KI-Verordnung muss zusätzlich eine Konformitätsbewertung durch Dritte vorgeschrieben sein. Seit dem Digital Omnibus werden die Hochrisiko-Anforderungen für Maschinen über die Maschinenverordnung umgesetzt; die entsprechenden delegierten Rechtsakte sollen bis zum 2. August 2028 gelten. Einen Überblick gibt der Beitrag Maschinenverordnung 2027.
Wie Betriebe sich vorbereiten
Für die meisten mittelständischen Betriebe ist jetzt nicht der Zeitpunkt für eine Investition in humanoide Roboter, aber ein guter Zeitpunkt für Vorarbeit, die sich ohnehin lohnt:
- Prozesse erfassen und dokumentieren: Welche Tätigkeiten sind eintönig, belastend oder schwer zu besetzen? Diese Liste ist Grundlage für jede Automatisierung.
- Bestehende Lösungen prüfen: Lässt sich die Aufgabe heute mit Cobot, FTS oder Roboterzelle lösen?
- Pilotprojekte nüchtern bewerten: Wer einen humanoiden Roboter testet, sollte vorher Kriterien festlegen, etwa Laufzeit pro Schicht, Eingriffe pro Stunde, Fernsteuerungsanteil und Kosten pro Stunde.
- Mitarbeitende einbeziehen: Betriebsrat und Belegschaft früh informieren, gerade bei sichtbarer und emotional besetzter Technik.
- Entwicklung beobachten: Normung, Erfahrungsberichte aus Pilotprojekten und die Auswertungen von Verbänden wie IFR und VDMA verfolgen.
Warum das Thema für Industriebetriebe trotzdem relevant ist
Auch wenn humanoide Roboter in den meisten Hallen noch nicht ankommen, lohnt die Beschäftigung damit. Die Verfahren, mit denen humanoide Roboter lernen, etwa das Lernen aus Vorführungen und die Steuerung über Anweisungen in normaler Sprache, fließen bereits in andere Robotertypen ein. Cobots und Industrieroboter werden dadurch leichter zu programmieren und flexibler beim Greifen unbekannter Teile.
Der Fachkräftemangel treibt auch die Frage nach Automatisierung in Umgebungen, die für Menschen gebaut sind. Wer seine Abläufe heute so dokumentiert, dass klar ist, welche Handgriffe sich wiederholen und welche Erfahrung verlangen, hat eine Grundlage für jede künftige Automatisierung, egal ob mit Cobot, mobilem Manipulator oder humanoidem Roboter.
Wer Hersteller humanoider Roboter zu Gesprächen einlädt, sollte nach belegten Einsatzstunden in vergleichbaren Betrieben fragen, nach dem Anteil ferngesteuerter Arbeit, nach Wartungsaufwand und nach dem Stand der Sicherheitsnachweise. Klare Antworten auf diese Fragen sind ein guter Gradmesser für die Reife eines Angebots.
Die optische Erfassung erläutert Industrieroboter mit Kamera. Für den Vergleich mit erprobten Anwendungen helfen die Vorteile und Grenzen von Cobots.
Was mit den Daten passiert
Bei einem humanoiden Pilotprojekt können Kamerabilder, Bewegungen und menschliche Demonstrationen als Daten anfallen. Die veröffentlichten Einsatzberichte beschreiben nicht für jeden Aufbau sämtliche Speicher- und Übertragungswege. Klären Sie deshalb vor einem eigenen Versuch, ob Aufnahmen das Werk verlassen, für Training genutzt werden und wer sie löschen kann. Eine öffentliche Demonstration ersetzt keine Datenfreigabe für die eigene Produktion.
Eine Vorführung braucht Vergleichswerte
Fragen Sie vor einem Pilotprojekt nach belegten Einsatzstunden, Fernsteuerungsanteil und Sicherheitsnachweisen für eine vergleichbare Aufgabe. Stellen Sie den Versuch einer heute verfügbaren Lösung gegenüber. Wenn diese Antworten fehlen, verschieben Sie die Investition und dokumentieren Sie zuerst den Arbeitsplatz, den Sie automatisieren wollen.
Quellen
- IFR: New IFR Position Paper on Humanoid Robots published (17.07.2025), abgerufen am 27. Oktober 2026Belegstelle: Abschnitte „Robots for human-centric environments“ und „Trends driving development“. Datumszeile der Meldung: 17.07.2025.
- IEN Europe: IFR Publication on Humanoid Robots, „Vision and Reality“ (14.08.2025), abgerufen am 27. Oktober 2026Belegstelle: Abschnitte „Humanoid adoption by region“ und „Outlook“.
- IFR: Global Sales of Professional Service Robots Surge 24% (30.09.2026), abgerufen am 27. Oktober 2026Belegstelle: Abschnitt „Humanoid Robots“, erster Absatz: 2025 rund 7.000 humanoide Roboter über 140 cm; zweiter Absatz zu spezialisierten und häufig teleoperierten Anwendungen.
- IFR: Five Million Robots now Operate in Factories Globally (World Robotics 2026, 24.09.2026), abgerufen am 27. Oktober 2026Belegstelle: Einleitung zum World Robotics 2026 Report und Abschnitt „Europe - overview“, Absatz zu Deutschland.
- Verordnung (EU) 2023/1230 über Maschinen, Amtsblatt der EU (EUR-Lex), abgerufen am 27. Oktober 2026Belegstelle: Art. 3 Nr. 3 und Nr. 16, Art. 10 Abs. 1–2, Art. 18, Art. 25 Abs. 2 sowie Art. 54 Abs. 2; Anhang I Teil A Nr. 5–6 und Anhang III Nr. 1.1.6, 1.1.9, 1.2.1. Das Datum in Art. 54 wurde durch Berichtigung vom 4. Juli 2023 (ABl. L 169, S. 35–36; CELEX 32023R1230R(01)), Nr. 10, auf den 20. Januar 2027 geändert.
- EUR-Lex: Verordnung (EU) 2023/1230, berichtigte und geänderte Fassung vom 27.07.2026, abgerufen am 29. Oktober 2026Belegstelle: Anhang III Nr. 1.1.6 „Ergonomie“, Nr. 1.1.9 „Schutz gegen Korrumpierung“ und Nr. 1.2.1 „Sicherheit und Zuverlässigkeit von Steuerungen“; konsolidierte Fassung vom 27.07.2026.
- EUR-Lex: Berichtigung der Maschinenverordnung, insbesondere Geltungsbeginn 20.01.2027, abgerufen am 29. Oktober 2026Belegstelle: Berichtigung, Nr. 10 zu Art. 54 Abs. 2: Geltungsbeginn 20. Januar 2027.
- EUR-Lex: Digital Omnibus on AI, Verordnung (EU) 2026/1744, Artikel 1 und 3, abgerufen am 29. Oktober 2026Belegstelle: Art. 3 Nr. 1: Ergänzung des Art. 8 der Maschinenverordnung um delegierte Rechtsakte für Hochrisiko-KI, anzuwenden spätestens ab 2. August 2028; Art. 4 zum Inkrafttreten.
- EUR-Lex: KI-Verordnung, Fassung vom 27.07.2026, Artikel 2 Absatz 2, Artikel 6 Absatz 1 und Anhang I, abgerufen am 29. Oktober 2026Belegstelle: Art. 6 Abs. 1 zur Hochrisiko-Einstufung und Anhang I zur produktsicherheitsrechtlichen Einordnung; Art. 113 zum gestaffelten Geltungsbeginn. Konsolidierte Fassung vom 27.07.2026.
- IFR: Humanoid Robots, Vision and Reality, 14.08.2025, Aussage von Takayuki Ito, abgerufen am 29. Oktober 2026Belegstelle: Abschnitte „Humanoid adoption by region“ und „Outlook“.
- IFR: Humanoids, Infografik zum Positionspapier 2025, Leistungsgrenzen und Normung, abgerufen am 29. Oktober 2026Belegstelle: Infografik, PDF-Seite 1, Bereiche „Recent technology trends“ und „Tradeoffs and limitations“.
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